Projekt "Wassersport mit Flüchtlingen in Griechenland"

Steckbrief:

 

  • Projekttitel: Wassersport mit Flüchtlingen in Griechenland
  • VDWS- Mitglied/Schule: Eva Oldenbürger
  • Zielgruppe: Flüchtlinge aus dem Flüchtlingscamp Malakasa in Griechenland
  • Intention/Ziele:
    • Eskapismus - dem zermürbenden Lageralltag für einen Tag entfliehen
    • Einer positiveren Konnotation von Wasser entgegenarbeiten nach einer oft traumatischen Flucht über das Mittelmehr
    • Psychisches und physisches Wohlbefinden stärken
    • Steigerung des Selbstwertgefühles und des Selbstbewusstseins, insbesondere für die Frauen
    • Gefühl des Menschseins und nicht nur auf den Status „Flüchtling“ reduziert zu werden
  • Veranstaltungen:  ca. 6 Termine im Zeitraum Oktober – Dezember mit jeweils 4-6 erwachsenen Teilnehmer*innen
  • Kooperationspartner: REFUGYM & Tony Frey Windsurfing Club

"Wassersport mit Flüchtlingen in Griechenland" 2019

Von Oktober bis Dezember dieses Jahres konnten Flüchtlinge aus dem Flüchtlingslager Malakasa in Griechenland Wassersport erleben. Von Oktober bis Dezember fanden sechs Tagesausflüge zum Tony Frey Windsurfing Club statt, wo die Lagerbewohner*innen ihre ersten Erfahrungen im Windsurfen uns SUP sammeln konnten.

 

Kontext

„In Afghanistan wusste ich wenigstens, dass ich bald tot bin. Hier sterbe ich langsam;  jeden Tag ein bisschen.“

Um ansatzweise nachvollziehen zu können, was ein Tag am Meer gefüllt mit Wasssersport für die Lagerbewohner bedeuten kann ist es hilfreich, ihre Lebensumstände etwas besser verstehen zu lernen. Das Lager in Malakasa liegt eine Stunde nördlich von Athen und ist derzeit das Zuhause von ca. 2000 Flüchtlingen. Die meisten der 2000 Bewohner lebt in Containern (20m2), die mit jeweils bis zu acht Bewohnern prall gefüllt sind. Da nicht genug Container für alle da sind leben momentan ca. 200 Menschen in kleinen Zelten und ohne ausreichenden Sanitären Einrichtungen. Häufiger Regenfall und sinkende Temperaturen machen das Leben in den Zelten zu dieser Jahreszeit zunehmend schwieriger.

 

Die Ärztliche Versorgung im Lager ist quasi nicht vorhanden und Krankenwagen kommen oft gar nicht oder erst Stunden später um, wie die Bewohner es ausdrücken, den toten Körper abzuholen. Die einzige verlässliche Form der Bildung wird durch NGOs im Camp angeboten, die Kapazität ist allerdings viel zu gering, um allen Kindern geschweige denn  den Erwachsenen ihr Recht auf Bildung erfüllen zu können. Hinzu kommt, dass Malakasa ein offenes Lager ist ohne Checkpoint oder Sicherheitsdienst. Folglich kann theoretisch jeder einfach rein und rauslaufen. Das führt dazu, dass sobald die NGOs und die Lagerleitung das Camp verlassen andere Machtstrukturen die „Leitung“ übernehmen. Die meisten der Bewohner fühlen sich nicht sicher innerhalb des Lagers; berichten von Vandalismus, Messerstechereien und Vergewaltigungen.

 

Viele der Flüchtling sind schon seit 1-2 Jahren in diesem Camp und warten auf ihre Asylinterviews die teilweise erst in 2022 stattfinden werden. Bis dorthin sind sie dazu verdammt die Zeit im Lager totzuschlagen oder Schmuggelversuche in andere Länder zu unternehmen, die oft erfolglos und gefährlich sind. Seit September müssen Flüchtlinge für die Zugverbindung nach Athen voll zahlen (8€ hin/zurück), was mit den finanziellen Mitteln so gut wie unmöglich ist. Oft stellt sich Fragen wie:  Essen oder Arztbesuch? Essen oder Asyltermin wahrnehmen? Das mag für der Ohren eines Deutschen Lesers krass und übertrieben klingen, ist aber momentan die traurige Realität hier in Griechenland..

 

 

Eskapismus

 

Ein wichtiges Ziel dieses Projektes ist es eine Möglichkeit zum Eskapismus (Realitätsflucht) aus der beschriebenen Lebenswelt anzubieten. Da die Bewohner*innen des Lagers zu 90% aus Afghanistan kommen und die Rollen von Mann und Frau kulturell sehr getrennt sind, gab es separate Exkursionen für Männer und Frauen. Die Männer gingen hauptsächlich Windsurfen, da diese in der Regel besser schwimmen können und mehr Selbstvertrauen im Wasser haben. Die meisten Afghanischen  Frauen haben nie sicher schwimmen gelernt, weshalb SUP in hüfthohem Wasser für sie eine zugänglichere Alternative zum Windsurfen war.

 

„ Heute ist ein fröhlicher Tag, also brauchen wir fröhliche Musik.“

Auf los geht’s los! Mit jeweils 4-6 Personen und Übersetzer*in ging es ab auf die Autobahn Richtung Artemis, wo wir die Wassersportausrüstung der Tony Frey VDWS-schule kostenfrei nutzen durften. Direkt nachdem wir das Lager verlassen haben, hebt sich die Stimmung, einige Frauen legen ihre Kopftücher ab,  es wird „Tschüss, doofes Lager!“ gerufen und die Musik wird lauter..

 

„ Schau, Eva! Ich paddele jetzt nach England!!“

Bei der Wasserpostschule angekommen ging es erst einmal direkt ab zum Wasser, um das Meer und den Strand aufzusaugen. Nach einiger Zeit auf dem Wasser wurden sowohl Männer also auch Frauen immer Selbstbewusster und wagemutiger: Bei jeden einzelnen Trip kam der Zeitpunkt an dem und mir  jemand voller Stolz zurief, jetzt werde in ein anderes, besseres Land gepaddelt. Sich selbstständig auf dem Wasser bewegen zu können, scheint ein Gefühl der Freiheit und Selbstbefähigung hervorzurufen, dass es ermöglicht sich wieder eine bessere Zukunft vorstellen zu können.

„Ich möchte heute wieder erleben können.“

Auffällig ist, dass sowohl außerhalb des Wassers als auch beim Wassersport Fotos und Videos  ganz, ganz wichtig sind. Durchgängig machen die Teilnehmer*innen entweder selber Fotos oder fragen mich sie auf dem Brett abzulichten. Auf meine Nachfrage hin erklären sie mir, dass sie nicht oft Tage wie diesen  erleben und ihren Tag gerne mit ihren Freunden und ihrer Familie teilen möchten, die oft auf der ganzen Welt zerstreut sind. Sei es Afghanistan, Iran oder Deutschland. Außerdem, können sie sich so an den Tag erinnern, wenn sie wieder im Camp sind und es schwer ist eine positive Mentalität beizubehalten.

Wasser beißt nicht immer

In 2019 sind bisher insgesamt über 111.000 Flüchtlinge nach Europe gekommen. Nur knapp 21.000 davon sind über Land gekommen. Die übrigen 90.000  haben alle, mehr oder weniger lange, in einem Boot im Mittelmeer gesessen. Seit 2015 ertrinken jedes Jahr tausende Menschen bei dem Versuch das Mittelmehr zu überqueren und viele weitere erleben Traumatische Ereignisse auf dem Wasser. Auch hier in Malakasa erzählen Bewohner*innen von sinkenden Booten, mit Zeitung gefüllten Schwimmwesten und Todesangst.  

Demnach haben viele der Teilnehmer*innen extremen Respekt oder sogar Angst vor Wasser. Besonders diejenigen, die zusätzlich nicht besonders gut schwimmen können. Um ihnen die Angst langsam zu nehmen sind wir alle immer erst einmal gemeinsam ein paar Meter ins Wasser hinein gegangen und haben darüber geredet, wie wir uns im Wasser fühlen. Für viele war es auch wichtig zu sehen, dass man hier wirklich überall stehen kann. Je nachdem, wie sich die Teilnehmer*innen im Wasser gefühlt haben habe, wurden die Übungen im Wasser extrem kleinschrittig gestaltet oder eben auch nicht.

Da alle Teilnehmer*innen sich im Voraus dazu entschlossen hatten, Wasser nochmal eine Chance zu geben waren sie auch alle hoch motiviert sich ihren Ängsten auf spielerische Art und Weise durch Wassersport,  zu stellen. Natürlich kann man sich nicht auf Knopfdruck im Wasser wohlfühlen und einige Teilnehmer*innen waren anfangs extrem gestresst und ängstlich. Nach einiger Zeit hat aber jede*r einzelne es geschafft sich irgendwie auf dem Wasser fortzubewegen, sei es auf den Knien paddelnd oder sogar windsurfend.  Innerhalb der wenigen Stunden im und auf dem Wasser konnte man förmlich zugucken, wie der Respekt vor dem Element Wasser geringer und das Selbstbewusstsein im Wasser immer größer wurden.

Voller Stolz und hundemüde ging es dann wieder zurück ins Lager, wo wir alle noch Tagelang über den „Tag am Meer“  redeten und fleißig  Bilder und Videos austauschten.  

خیلی ممنون  - Vielen Dank!

Das Ganze Projekt war nur möglich durch die Unterstützung von Tony Frey, dem VDWS und REFUGYM. Vielen Dank an Ton Frey dafür, dass wir immer mit offenen Armen empfangen wurden und die gesamte Surfschule frei nutzen durften. Der VDWS hat uns mit einem Paket voller Goodies und Lycras unterstützt, über die sich die Teilnehmer*innen sehr gefreut haben. 

 

REFUGYM ist ein grassroots Organisation  die, zusammen mit den Flüchtlingen, in Malakasa ein Sportprogram für die Lagerbewohner*innen ins Leben gerufen hat. Durch REFUGYM hatte ich Zugang zum Lager und den Bewohnern und konnte ein Auto nutzen, um zur Surfschule zu gelangen. Momentan suchen wir gemeinsam nach Möglichkeiten wie die Wassersporttage auch ohne meine Präsenz in der Zukunft durch REFUGYM weiter durchgeführt werden können. 

 

Eva